Compositae

Dem Genius Loci auf der Spur

2017 Jänner – Stauden Kopf, Sulz, Vorarlberg
Vogelschwarm – 12 Trigone – geformter Ton – frosthart

Tätige Hände bei Stauden Kopf – 2 Fototafeln – 54 Motive

Negativformen – Räume zwischen tätigen Händen – Ton gekalkt

Compositae – Korbblütler – Ton engobiert

Urform – Ellipsoid und Variationen – Ton teilweise glasiert – Rakubrand

Ausstellung – Stauden Kopf – Raumaufnahmen

PETER NIEDERMAIR

„KULTUR“ Nov/Dez 2016/17

Maria Jansa in einer Ausstellung bei Stauden Kopf in Sulz

„COMPOSITAE – Dem Genius Loci auf der Spur“

Maria Jansa, Jahrgang 1949, die in Fraxern lebende und arbeitende Künstlerin,
reflektiert ihren künstlerischen Prozess und kontextualisiert ihre Projekte. Sie
pendle immer mehr zwischen Keramik, die einen Hohlraum umhüllt, und Plastik,
die für sie Vollmaterie bedeutet. So nennt sie sich manchmal Plastikerin, dann
wieder Keramikerin. Die Studienrichtung an der Universität für künstlerische und
industrielle Gestaltung Linz, die sie absolvierte, habe jetzt einen neuen Namen,
„Plastische Konzeptionen/Keramik“. Ihre Keramik ebenso wie die plastischen Formen
integriert sie gerne auch in Konzepte und Installationen, je nachdem, wie und wenn
es der Ort erlaubt.

Für die plastische Konzeption, so die Künstlerin gegenüber KULTUR, war ein Besuch
im Nationalmuseum in Athen 1971 von großer Bedeutung. Dort entdeckte sie die
Exponate der Kykladischen Frühzeit, die sie nachhaltig prägten, und war von den
ganz einfachen, reduzierten, schnörkellosen keramischen Urformen fasziniert.
Ein wichtiges Medium zur Reflexion ist ein Keramik- Tagebuch, in dem sie Notizen
zum Figürlichen und ihren Arbeitsformen festhält. In diesem Laboratorium schreibt sie
über den schöpferischen Prozess, primäre Motivation sind die Spielfreude und die
Lust am Experiment. Wichtig in ihrem künstlerischen Schaffen ist das Faible für
räumliche Geschichten, wofür unter anderem ihre insgesamt fünfzehn Kachelöfen
stehen. Sie beschäftigt sich stark auch mit dem Figuralen, mit kleinen Figurinen,
wie sie aus Funden rund um die Kulturräume des Mittelmeers bekannt sind.
In einer beeindruckenden Ausstellung im Historischen Museum von Barcelona
Anfang der Neunzigerjahre waren „Deesse. Göttinnen“ zu sehen.
In ihrem Reflektieren bezieht Maria Jansa sich auch auf ihre jüngsten Projekte,
wie die Trigone im Öltank auf dem Otten Areal in Hohenems 2015, die Figurinen
im Stellwerk in Heerbrugg und die Aktzeichnungen, weibliche Torsi.

Ausgefallene Räume sind für die Künstlerin eine reizvolle Herausforderung. Jetzt
vom 1. bis 29. Jänner 2017 ist es die Gärtnerei. Das Glashaus in der Kopf’schen
Staudengärtnerei Pläne für ein Projekt in der Sulzer Staudengärtnerei Kopf
gibt es schon seit Längerem. Der Reiz dieser Gärtnerei in Sulz sei die Art, wie Elke
und Thomas Kopf über viele Jahre hinweg diesen Ort kultiviert haben, wie sie
diesen genius loci mit ihrer Handschrift im weitesten Sinn prägen, wie sie mit
großer Sorgfalt mit den Pflanzen und Stauden umgehen, die Ästhetik dort, die in
der Anordnung und Zusammenstellung der Pflanzen sichtbar werde, in dem die
genauen Abfolgen von Blütenständen mit beachtet würden, die Einteilungen,
die Kompositionen, die die Atmosphäre dort schaffen, die größere Zusammenschau.
Maria Jansa schaut den Garten dort künstlerisch an, nicht gärtnerisch, an den Formen
der Blätter einzelner Pflanzen interessiert sie, wie Form und Farbe zusammenhängen,
wie der Wermut neben der Schwertlilie steht, wie sich das Grau zum saftigen Grün der
Lilie stellt, die dann abstirbt und bräunlich wird.

Für ihre Ausstellung wählt die Künstlerin das Innen und das Außen. Die Installationen
finden im Gewächshaus innen statt, außen gibt es einen Teil, der mit dem Gewächshaus
in Beziehung steht.

Tätige Hände
Ein wesentlicher Teil der Atmosphäre innen wird über die „Tätigen Hände“ spürbar,
ein Topos, der die Künstlerin bereits in Berlin interessierte, wo sie 2012 in der Gruppen-
ausstellung „standort“ im Berliner Kunstforum teilnahm, in der die Vorarlberger „Artists
in Residence“-Stipendiaten vertreten waren. Inspiriert von den Berliner Erfahrungen hat
sie tätige Hände in der Ausübung unterschiedlicher Tätigkeit bei Kopfs fotografiert.
Diese werden auf Fotopapier aufgezogen und auf einer großen Fotowand kompiliert.
Maria Jansa interessiert sich auch dafür, wie sich dieser Zwischenraum zwischen den
Händen gestaltet. Sie nimmt Ton und geht mit ihren Händen rudimentär in diesen
Ton des Zwischenraums hinein. Daraus entstehen plastische Formen, die eine weitere
Gruppe konstituieren. Jede Form bekommt eine dazu koordinierte weiße Kiste, die
deren Aussage zusätzlich unterstützt. Damit legt die Künstlerin für den Betrachter den
Blickwinkel auf das Zwischenraum-Objekt aus getrocknetem Westerwälder Kachelton
mit Kalkfarbe fest.

Korbblütler – Formen nach der Natur
Der dritte Bereich umfasst die Compositae. Ausgangspunkt ist eine tellerartige Schale,
in der Negativform ein Korbblütler. Die künstlerische Form entsteht in der Wahrnehmung
am Material selbst, ähnlich wie es beim Metamorph im Öltank in Hohenems der Fall war.
Konzentriert und spielerisch, im Wechsel von aktiv und passiv, entwickeln sich die
keramischen Blattformen eines Korbblütlers assoziativ nach der Natur. Aus der gehäuften
Zusammenstellung ergibt sich wiederum ein Compositae für die Abertausend
verschiedenen daraus folgenden Formen, ein „Spiegel des Kopf’schen Gartens“.
Die Landschaft der Gärtnerei bei winterlichen Verhältnissen kann diverse Gestalt haben,
von karg reduziert bis verschneit. Die Formen und Strukturen der Bäume werden als
Skulpturen sichtbar.

Der vierte Teil umfasst kleine Installationen ausgehend von den zerschnittenen und neu
zusammengesetzten Ellipsen, außen schwarz, innen rot. Die ursprünglich geschlossene
Form wird installativ geschnitten und in eine zusammengehörige Objektkonstellation
gebracht, womit künstlerisch die Compositae Dimension variiert und fortgesetzt wird.

Im fünften und letzten Teil bewegt sich das Projekt Maria Jansas mit einem Mobile ins
Freie. Sie verwendet dafür plattenähnliche, diagonal gebogene Objekte, ursprünglich
rustikale Rohlinge, die geschabt werden, wodurch die Auseinandersetzung bildhauer-
ischen Charakter annimmt. Für das Mobile verwendet sie Trigone, die jedoch nicht
schweben wie in einem klassischen Mobile. Das an Metallstangen fixierte Mobile ist
an sich statisch, kann sich im Wind drehen, schwebt jedoch nicht. In der Konstruktion
sind ihre Mobile ein Stück weit vergleichbar mit jenen Kunstwerken, wie sie Cesare
Manrique auf Lanzarote geschaffen hat. Ergänzt wird das Projekt der Künstlerin von
der freien Improvisation Harald Scheffknechts auf dem Saxophon – ob es „Such
Winters of Memory“ von John Surman sind oder freie Zitate nach Pau Casals
katalanischem Volkslied „El Cant dels Ocells“ muss an diesem föhnigen Novembertag
noch offen bleiben.